Märchen Seite 8
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Von Kindern
und Katzen, und wie sie die Nine begruben Theodor Storm |
Wer ist am stärksten? russische Fabel |
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Der
Holzsammler und seine Tiere bulgarisches Märchen |
Der Bär als Richter finnische Fabel |
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Von Kindern und
Katzen, und wie sie die Nine begruben
Mit Katzen ist es in früherer Zeit in unserem Hause sehr "begänge" gewesen. Noch
vor meiner Hochzeit wurde mir von einem alten Hofbesitzer ein kleines
kaninchengraues Kätzchen ins Haus gebracht. Er nahm es sorgsam aus seinem
zusammen geknüpften Schnupftuch, setzte es vor mir auf den Tisch und sagte: "Da
bring ich was zur Aussteuer!" Diese Katze, welche einen weißen Kragen und vier
weiße Pfötchen hatte, hieß die "Manschettenmieße". Während ihrer Kindheit hatte
ich sie oft, wenn ich arbeitete, vorn in meinem Schlafrock sitzen, so dass nur
der kleine hübsche Kopf hervorguckte. Höchst aufmerksam folgten ihre Augen
meiner
schreibenden
Feder, die bei dem melodischen Spinnerlied des Kätzchens gar munter hin und
wider glitt. Oftmals, als wolle sie meinen gar zu großen Eifer zügeln, streckte
sie wohl auch das Pfötchen aus und hielt die Feder an, was mich dann stets
bedenklich machte und wodurch mancher Gedankenstrich in meine nachher gedruckten
Schriften gekommen ist.
Die Manschettenmieße selber ist, wie ich fürchte, durch diesen Verkehr etwas gar
zu gebildet geworden. Denn da sie endlich groß und dann auch Mutter manches
allerliebsten kaninchengrauen Kätzchens geworden war, verlangte sie, gleich den
feinen Damen, allezeit eine Amme für ihre Kinder. Und da die Nachbarskatzen sich
nur selten zu diesem Dienst verstehen wollten, so sind fast alle ihre kleinen
Ebenbilder elendiglich zugrunde gegangen. Nur einen kleinen weißen Kater zog sie
wirklich groß, welcher wegen seines grimmigen Aussehens "der weiße Bär" genannt
wurde und nachher aber eine Katze war.
Später, da schon zwei kleine Buben lustig durch Haus und Garten tobten, waren
zwei Katzen in der Wirtschaft; nämlich außer den vorbenannten noch ein Sohn des
weißen Bären, genannt "der schwarze Kater", ein großer ungebärdiger Geselle;
vielleicht ein Held, aber jedenfalls ein Scheusal, von dem nicht viel zu sagen,
als dass er, besonders in der schönen Frühlingszeit, unter schauderhaftem Geheul
gegen alle Nachbarskater zu Felde lag, dass er stets mit einem blutigen Auge und
zerfetztem Fell umherlief und außerdem noch seine kleinen Herren biss und
kratzte. Von der Großmutter, der Manschettenmieße, die nachmals ganz berühmt
geworden ist, wäre noch vielerlei zu berichten; da sie aber in der Geschichte,
die ich hier am Schluss erzählen will, nur ein einziges Mal "Miau" zu sagen hat,
so soll's für eine schicklichere Gelegenheit verspart sein.
Es geschah aber, dass unser mit drei Katzen also stattlich begründetes Heimwesen
durch den hereingebrochenen Dänenkrieg gar jämmerlich zugrunde ging. Meine
beiden Knaben und noch ein kleiner dritter, der hinzugekommen war, mussten mit
mir und ihrer Mutter in die Fremde wandern und, so gastlich man uns draußen
aufnahm, es war doch in den ersten Jahren eine trübe, katzenlose Zeit. Zwar
hatten wir ein Kindermädchen, welches Anna hieß; ihr gutes rundes Gesicht sah
allzeit aus, als wäre sie eben vom Torfabladen hergekommen, weshalb die Kinder
sie die "schwarze Anna" nannten; aber eine Katze in unser gemietetes Haus zu
nehmen, konnten wir noch immer nicht den Mut gewinnen. Da - drei Jahre waren so
vergangen - kam von selber eine zugelaufen, ein weiß und schwarz geflecktes
Tierchen, schon wohlerzogen und von anschmiegsamer Gemütsart. Was ist von diesem
Katerchen zu sagen? - Zum mindesten der Pyramidenritt.
Da nämlich den beiden größeren Buben das gewöhnliche Zubettgehen doch gar zu
simpel war, so hatten sie's erfunden, auf der schwarzen Anna zu Bett zu reiten;
derart, dass sie dabei auf ihrer Schulter saßen und die kleinen Kinderbeinchen
vorn herunterbaumelten. Jetzt aber wurde das um vieles stattlicher; denn eines
Abends, da sich die Tür der Schlafkammer öffnete, kam in das Wohnzimmer zum
Gutenachtsagen eine vollständige Pyramide hereingeritten: über dem großen Kopf
der schwarzen Anna der kleinere des lachenden Jungen, über diesem dann der noch
viel kleinere Kopf des Katerchens, das sich ruhig bei den Vorderpfötchen halten
und dabei ein gar behaglich und vernehmbares Spinnen ausgehen ließ. - Dreimal
ritt diese Pyramide die Runde in der Stube und dann zu Bett. Es war sehr hübsch;
aber es wurde der Tod des kleinen Katers. Die guten Stunden, die er nach solchem
Ritt zur Belohnung im Federbett bei seinem jungen Freunde zubringen durfte,
hatten ihn so verwöhnt, dass er eines scharfen Wintermorgens, da er am Abend
ausgeschlossen worden, tot und steif gefroren im Waschhause aufgefunden wurde.

Und wieder kam eine stille, katzenlose Zeit.
Aber wo fände sich nicht eine Aushilfe! Ich konnte ja vortrefflich Katzen
zeichnen - und ich zeichnete! Freilich nur mit Feder und Tinte. Aber sie wurden
ausgeschnitten und aus dem Tuschkasten sauber angemalt: Katzen von allen Farben
und Arten, sitzende und springende, auf vieren und auf zweien gehend, Katzen mit
einer Maus im Maule und einem Milchtopf in der Pfote, Katzen mit Kätzchen auf
dem Arme und einem bunten Vöglein in der Tatze. Den Preis über alle aber gewann
ein würdig blickender grauer Kater mit rauem, bärtigem Antlitz. Ihm wurde in
einer Kammer, wo die Kinder spielten, aus Bauholz ein eigenes Haus mit Wohn- und
Staatsgemächern aufgebaut. Viel Zeit und Mühe war darauf verwandt worden.
Deshalb erhielt es aber auch das Vorrecht, vor dem zerstörenden Eulbesen der
Köchin durch strenges Verbot geschützt zu werden. Es hieß "das Hotel zur
schwarzen Anna". Und "der alte Herr", welchen Namen der Graue sich gar bald
erworben hatte, hat lange darin gewohnt. Selten nur verließ er seine angenehmen
Räume. Desto lieber, da es ihm an Dienerschaft nicht fehlte, versammelte er bei
sich die Gesellschaft seiner Freunde und Freundinnen. Dann ging es hoch her. Wir
haben oft durchs Fenster geguckt. Fetter Rahm in Tassenschälchen, Bratwürstchen
und gebratene Lerchen wurden immer aufgetragen. Den Ehrenplatz zur Rechten des
Gastgebers aber hatte allzeit ein allerliebstes weißes Kätzchen mit einem roten
Bändchen um den Hals. Ob es eine Verwandte oder gar die Tochter desselben
gewesen, haben wir nicht erfahren können.
Außer solchen Festen lebte übrigens der alte Herr still für sich weg. Nur
manchmal liebte er es, aus seinem Hause auf die Spiele der Kinder in der Kammer
hinabzublicken, wozu er die bequemste Gelegenheit hatte, da das Hotel "Zur
schwarzen Anna" auf einer Fensterbank erbaut war. Dann stieß wohl eins der
Kinder das andre an und flüsterte: "Seht, seht! Der alte Herr steht wieder
einmal am Fenster!" Auch seinen Geburtstag sollte er noch erleben. Zu diesem
Feste, an welchem alle Kater und Katzen sich zur Gratulation versammeln sollten,
bekam ich den Auftrag, sein Brustbild in Lebensgröße zu malen, was dann auch
wirklich am Morgen des Festtages, in einen breiten Goldrahmen gefasst, im Saale
des Hotels aufgehängt wurde.
Aber es nimmt alles einmal ein Ende. - Da wir eines Morgens aufgestanden waren,
fanden wir ihn tot in seinem Bette. Ob er bei dem letzten leckeren Mahle sich zu
viel getan, ob die ihm zugemessene Lebensdauer abgelaufen war - soviel steht
fest, was wir hier vor uns sahen, war nur noch seine entseelte Hülle. Also wurde
ein Schächtelchen mit schwarzem Papier beklebt und ausgeschlagen und so ein
Sarg
daraus gemacht. Der alte Herr wurde hineingelegt und stand zur Parade in dem
großen Saale des Hotels, wo von der Wand sein noch in aller Lebensfülle gemaltes
Bildnis auf den Sarg herabsah. Endlich wurde er auf dem Steinhofe - ach, einen
Garten hatten wir da draußen nicht! - in das für ihn gegrabene Grab gesenkt und
mit einem schweren Stein fest und dauerhaft bedeckt. - Aber wer möchte nicht
gern wissen, wie die Toten aussehen. - Natürlich wurde der alte Herr nach einem
halben Jahr wieder ausgegraben, sehr mit Schimmel überzogen vorgefunden,
schaudernd und ganz genau betrachtet und dann endlich noch einmal und auch zum
allerletzten Mal begraben.
Für Kinder und alte Leute, welch ein erlösender Zauber liegt in dem Begraben!
In der Heimat zur Zeit der Manschettenmieße, als die zwei ältesten Knaben ihre
ersten Kittel noch nicht ausgetragen hatten, als sie für den großen Garten, der
am Hause war, mit eignem "Schmierzeug" noch versehen waren - in jener
glücklichen Zeit gab es außer Katzen auch noch andres Getier im Hause. Da war
ein kleiner weißer Pudel, welcher "Bube" hieß, aber leider trotz des Tierarztes
schon früh an einer Hunde-Kinderkrankheit sterben musste. Dann war ein weißes
Kaninchen, welches "Nine" hieß, und außerdem noch eine weiße Taube, welche
keinen Namen hatte, sonst aber sehr wohl "Federlos" hätte heißen können.
In dem geräumigen Taubenschlage auf dem Hausboden hatte sie einst mit vielen
schönen Gefährten, Hahnenschwänzen und Mohrenköpfen, gewohnt und sich von dort
aus lustig mit ihnen über den grünen Gärten in der Luft getummelt. Aber eines
Nachts war der Marder eingebrochen, und sie allein blieb die Überlebende. Damit
sie in dem großen leeren Schlage nicht allzu sehr die Einsamkeit empfinde, wurde
das Kaninchen ihr zum Gesellen beigegeben, und da weder dieses von ihren Erbsen,
noch sie die Hundeblumenblätter des Kaninchens begehrte, so lebten sie wie
Geschwister einträchtig beisammen. Wenn die Taube von ihren Ausflügen heimkam,
klappte Nine allzeit freudig mit den Hinterläufen, denn sie spielten dann Greif
oder Haschemännchen miteinander, und da das Kaninchen sehr gut greifen konnte,
so geschah es dabei ganz von selber, dass es seiner Freundin einen Mund voll
Federn nach dem andern abbiss. - So wurde sie das Täubchen "Federlos" und konnte
nur noch mit den Posen fliegen. Aber weiter kam es nicht; die Posen sollte sie
behalten. Denn da die Knaben eines Morgens in den Schlag hinaufstiegen,
flatterte das Täubchen Federlos zwar noch um sie herum, Nine aber lag mit
ausgestreckten vieren tot und platt am Boden.
Eilig stürmten sie die Treppen hinab und verkündeten im Wohnzimmer ihre
Trauerkunde, wo ich ahnungslos bei meiner Tasse Tee saß.
Wahrscheinlich hatte Nine sich an Taubenfedern tot gegessen. Indessen ich
bedachte solches nicht und sagte ohne viele Umstände: "Da habt ihr's wohl
verhungern lassen!"
Ob das Gewissen der beiden dennoch nicht ganz rein gewesen? Aber - hilf Himmel!
- wie huben auf dieses Wort die kleinen Kerle an zu schreien! Kein Trost, kein
Zuspruch half, die Tränen liefen ihnen stromweis über die Backen.
Da
trat mein Freund, der Doktor - der als Primaner einst so schön die Klarinette
spielte - in die Tür. "Hallo! Junges, was ist da los?" Die Augen wandten sich zu
dem Sprecher, und einen Augenblick lang stockte das Geheul. "Doktor", rief der
eine im wehmütigsten Klagelaut, "unser Nine ist tot!" "Und wir haben es
verhungern lassen!" schrie der andre. - Dann heulten sie beide wieder mit
vereinten Kräften. "Jungens!" rief der Doktor. "Euer Nine wird nicht mehr
lebendig! Aber wisst ihr denn das nicht? Wenn es tot ist, so müsst ihr es
begraben!" Begraben! - Das Zauberwort war gesprochen. Das Geschrei verstummte,
die Tränen wurden abgewischt, ein wahres Sonnenleuchten verklärte die Gesichter
der beiden Kinder. - Schon waren sie aus dem Zimmer und die Bodentreppe hinauf;
und nicht lange, so kamen sie fröhlichen Angesichts mit dem Leichnam ihres Nine
angezogen. Der eine hatte es an den Ohren, der andre an den Hinterläufen. So
zogen wir zusammen in den Garten hinaus.
Als wir auf dem großen Steige waren, begegnete uns die Manschettenmieße. "Miau!"
sagte sie, indem sie stehen blieb und uns ansah. Der Zug hielt und die Kinder
sahen sie wieder an. "Mite", sagte der Kleine, noch einmal in seinen Klageton
verfallend, "unser Nine ist tot!" Dann setzte der Zug sich wieder in Bewegung,
und Mite machte einen Buckel und sprang mit, um dem Begräbnis beizuwohnen. Der
Doktor hatte schon den Spaten in der Hand, und an der Geißblattlaube unter
überhängenden Ulmenzweigen wurde nach reiflicher Erwägung die Stätte auserwählt.
Da wurde ich von der Magd ins Haus zurückgerufen und überließ dem Doktor allein
die Leitung unsrer Trauerfeierlichkeit.
Drinnen im Hause erwarteten mich ganz andre Dinge. Da war ein Mann, der hatte
einen bösen Schuldner, von dem er weder Kapital noch Zinsen erhalten konnte, und
wir sprachen wohl eine halbe Stunde miteinander, auf welche Weise ihm zu beidem
zu verhelfen sei. Als ich dann wieder in den Garten hinauskam, war der Doktor
nicht mehr da. Auch der Körper des verstorbenen Nine war verschwunden, und der
Spaten lehnte an der Planke. Die beiden kleinen Totengräber aber - die natürlich
ihr Schmierzeug anhatten - lagen neben der Geißblattlaube auf den Knien und
hatten einen kleinen seltsam glänzenden Erdhügel zwischen sich, auf dem sie
beide eifrig mit ihren rot karierten Taschentüchern rieben. "Was macht ihr da?"
fragte ich, indem ich zu ihnen trat, denn diese Sache war mir völlig
unverständlich. Da guckte der Kleine auf. "Papa!" sagte er, und sein Gesicht
leuchtete so fröhlich wie droben kaum die liebe Himmelssonne - "wir polieren
Nine sein Grab mit Spucke!" - Und also endete dies vergnügliche Begräbnis.
Wer ist am stärksten?
Einmal im Winter trat ein Kalb aufs Eis, glitt aus und stürzte. Das sah ein Kind
und fragte: "Liebes Kälbchen, bist du sehr stark oder nicht?" - "Wäre ich stark,
mein Kind, wie könnte mich dann das Eis umwerfen?" entgegnete das Kalb. Das Kind
fragte das Eis: "Liebes Eis, bist du stärker als sonst jemand?" - "Wäre ich
wirklich stark, mein Kind, wie könnte mich dann die Sonne zum Schmelzen
bringen?" entgegnete daraufhin das Eis. Das Kind wandte sich an die Sonne:
"Sonne, liebe Sonne, bist du stärker als alle?" - "Wäre ich stärker als alle,
wie könnte mich dann die Wolke verdecken?" Das Kind wandte sich an die Wolke:
"Liebe
Wolke,
bist du stärker als alle?" - "Wäre ich stärker als alle, wie könnte ich dann in
kleine Regentropfen zersprühen?" Das Kind wandte sich an den Regen: "Lieber
Regen, bist du stärker als alle?" - "Wäre ich stärker als alle, wie könnte mich
dann die Erde aufsaugen?" Das Kind wandte sich an die Erde: "Liebe Erde, dann
bist du also stärker als alle?" - "Wäre ich stärker als alle, wie
könnte dann Gras aus mir sprießen?"
Das Kind wandte sich ans Gras: "Liebes Gras, bist du stärker als alle?" - "Wäre
ich stärker als alle, wie könnten mich dann die Schafe fressen?" Das Kind wandte
sich an die Schafe: "Liebe Schafe, seid ihr stärker als alle?" - "Wären wir
stärker als alle, wie könnte uns dann der Schäfer treiben?" Das Kind wandte sich
an den Schäfer: "Lieber Schäfer, bist du stärker als alle?" - "Wäre ich stärker
als alle, wie könnte dann die Maus die Riemen an meinen Tscharyki (Schuhe)
durchknabbern?" Das Kind wandte sich an die Maus: "Liebes Mäuslein, dann bist du
also am stärksten?" - "Wäre ich stärker als alle, wie könnte mich dann die Katze
fressen?"
Das Kind wandte sich an die Katze: "Liebe Katze, bist du stärker als alle?" -
"Ja!" gab die Katze stolz zur Antwort. "Ich bin stärker als alle! Ich bin stark.
Ich bin sehr stark. Meine Zähne sind scharf wie die Zinken eines Metallkamms.
Aus dieser Tür geh ich hinaus, durch diese trete ich ein. Ich schlecke die süße
Sahne und putze mir den Bart. Miau!"
Der Holzsammler und seine Tiere
Es war einmal eine alte Frau, die hatte einen Sohn; den schickte sie täglich in
den Wald, damit er Holz sammle und es verkaufe. Er arbeitete auch fleißig, aber
von dem Geld, das er verdiente, gab er nur einen Teil der Mutter, den andern
behielt er für sich, um damit Gutes tun zu können. Einmal traf er auf seinem Weg
Kinder, die ein kleines Hündchen prügelten; da kaufte er es ihnen ab und rettete
es so vor weiteren Schlägen. Ein andermal fand er Kinder, die ein Kätzchen
totschlagen wollten; er gab ihnen Geld, und sie überließen ihm das Kätzchen.
Hund und Katze zogen nun mit dem Holzsammler, wo immer er ging.
Als er einmal im Gebirge Holz sammelte, sah er eine brennende Buche; hoch in
ihren Ästen zischte eine Schlange und rief um Hilfe. "Ich möchte dich gern aus
dem Feuer retten", sagte der Bursch, "wenn ich nicht fürchten müsste, dass du
mich beißen wirst." "Fürchte nichts Böses von mir!" sagte die Schlange. "Meinen
Retter werde ich nicht berühren." Da streckte er eine Stange an die Buche, die
Schlange wickelte sich um
die Stange und rettete sich so aus dem Feuer. "Nun
will ich dir meine Dankbarkeit beweisen", sprach sie. "Bringe mich zum Zaren der
Schlangen, dem Drachen. Er wird dir einen Beutel mit Gold anbieten; den nimm
aber nicht, sondern verlange stattdessen den Ring, den er unter der Zunge trägt.
Sowie er dir ihn gibt, stecke ihn gleich unter deine Zunge und behalte ihn immer
dort; dann geht alles, was du wünschest, in Erfüllung." Der Holzsammler tat, wie
ihm geheißen. Der Schlangenzar gab ihm den Ring, er steckte sich ihn unter die
Zunge und ging nach Hause.
Am nächsten Morgen sagte er zu seiner Mutter: "Geh zum Zaren und verlange seine
Tochter für mich zur Frau!" "Du bist wohl närrisch!" rief die Mutter
erschrocken. "Wie soll der Zar seine Tochter einem armen Holzsammler geben? Er
wird mich töten." "Geh und tu, was ich dir sage! Sprich zum Zaren: Mein Sohn
kann Eurer Tochter alles bieten, was Ihr für sie begehrt." Da ging die Mutter
aufs Zarenschloß und warb dort für ihren Sohn um die Zarentochter. "Wenn dein
Sohn meiner Tochter ein Schloss bieten kann wie dieses, in dem sie jetzt lebt,
dann kann er sie haben!" sagte der Zar und meinte, damit die Sache am raschesten
los zu sein.
Als die Mutter heimkam und über den Erfolg ihrer Werbung berichtete, sagte der
Holzsammler zu dem Ring: "Ich wünsche ein Haus wie das Zarenschloß!" Und
sogleich stand eines da an der Stelle ihrer alten Hütte. Nun schickte er seine
Mutter wieder zum Zaren. Der machte ein erstauntes Gesicht. "Ich will deinem
Sohn meine Tochter geben, wenn er die Straße, die sie ziehen soll, mit Gold
pflastern lässt", erklärte er. Der Bursche wünschte sich nun die ganze Straße
vorn Zarenschloß bis zu seinem eigenen mit Gold gepflastert, und auch das führte
der Ring ohne Zögern aus. Da forderte der Zar noch für seine Tochter einen
Garten wie seinen eigenen, in dem die Nachtigallen singen und die Falken
schreien sollten; und schließlich, als auch diese Bedingung erfüllt war, fügte
er sich drein und sagte zu der alten Frau: "Dein Sohn soll mit dem
Hochzeitsgefolge kommen, alle auf weißen Pferden und in weißen Kleidern, dann
mag er meine Tochter heimführen." Und so geschah es auch.
Die jungen Leute lebten recht glücklich miteinander, bis eines Tages die Amme
der Zarentochter anfing, die junge Frau zu quälen. "Woher hat doch dein Mann die
Gabe, alles auszuführen, was er sich nur denkt?" "Er hat einen Zauberring unter
der Zunge", sagte die Zarentochter. "Den hat er für eine gute Tat bekommen, und
der bewirkt alle diese Wunder." "Das ist aber eine gefährliche Sache", meint die
Amme kopfschüttelnd. "Wenn er deiner überdrüssig wird, kann er dich durch diesen
Ring verderben. Weißt du, was? Ihr habt doch schon alles, was euer Herz begehrt;
es wäre das Beste, deinem Mann den Ring wegzunehmen." "Er legt ihn aber niemals
ab." "Dann tu folgendes: Nachts, wenn er schläft, mach deinen Finger nass und
stecke ihn in die die Pfefferbüchse; dann fährst du deinem Mann damit in die
Nase. Er wird niesen, und der Ring wird ihm aus dem Mund fallen; dann nimm ihn
und gib ihn mir, damit ich ihn verwahre."
Die törichte junge Frau tat wirklich, was ihr die Amme geraten hatte; die Amme
aber gab den Ring ihrem Sohn, und dieser, der die Zarentochter lange schon hatte
heiraten wollen, wünschte sich sogleich das Schloss mit ihr und allem, was sonst
drin war, ins Gebirge, den jungen Ehemann aber wieder in seine Holzfällerhütte
zurück, die früher sein Heim gewesen war. Als am Morgen der Bursche wieder in
seiner armseligen Hütte erwachte, da ahnte er, was geschehen war, und sprach zu
seiner Mutter: "Ich will meinen Esel, meinen Hund und meine Katze nehmen und
herumwandern, bis ich mein Schloss wieder finde."
So gingen sie und kamen an einen Fluss mit starker Strömung. Da sah der Bursche
am Ufer einen Fisch rücklings auf dem Trockenen liegen; er fasste ihn und warf
ihn ins Wasser. "Hab Dank!" sagte der Fisch. "Für das Gute, das du mir getan
hast, will ich dir alles tun, was du wünschest. Schneide mir eine Flosse ab, und
wenn du etwas von mir brauchst, brenne sie an; ich komme dir dann gleich zu
Hilfe." Der Bursche schnitt dem Fisch eine Flosse ab und steckte sie ein.
Nach kurzer Wanderung sah er das Schloss hoch oben auf einem Berg stehen. Da
schickte er Hund und Katze aus, ihm seinen Ring wiederzuholen. Die Katze stieg
in die Zimmer des Schlosses hinauf, während der Hund unten am Tor blieb. Die
Mäuse im Schloss feierten gerade eine Hochzeit. Die Katze trat dazwischen und
fing den Bräutigam ab. Da war große Aufregung, und die Mäuse sammelten sich um
die Katze und versprachen ihr alles, was sie verlangen würde, wenn sie ihnen nur
den Bräutigam freilassen wolle. "Ich will das ausnahmsweise tun", sagte sie,
"wenn ihr dem Herrn dieses Schlosses den Ring wegnehmen wollt, den er unter der
Zunge trägt. Macht eure Schwänze im Wasser nass, pfeffert sie in der
Pfefferbüchse ein, dann geht in sein Zimmer, in dem er jetzt eben schnarcht, und
steckt ihm die Schwänze in die Nase. Dann wird er niesen und den Ring aus seinem
Mund ins Bett fallen lassen. Wenn ihr mir den Ring bringt, sollt ihr meinen
Gefangenen frei haben." Die Mäuse liefen eilig davon und führten den Auftrag
getreulich aus. Hei, wie da der Bösewicht nieste! Die arme, gefangene
Zarentochter hörte es bis in ihr Zimmer und zitterte vor Schrecken und Abscheu.
Die Katze aber, als sie den Ring übernommen hatte, ließ den Mäusebräutigam
laufen und wünschte ein fröhliches Hochzeitsfest. Dann lief sie ans Tor, wo der
Hund sie erwartete, und beide eilten davon.
Als sie an den Fluss kamen, sagte die Katze zum Hund: "Jetzt will ich auf dir
reiten, damit wir über den Strom kommen." Der Hund duckte sich und trug sie ins
Wasser, aber als sie mittendrin waren, sagte er: "Lass mich den Ring tragen. Bei
mir ist er sicherer." Da gab sie ihm den Ring aus dem Maul, aber der fiel in den
Fluss. Nun war guter Rat teuer. Sie liefen zu ihrem Herrn und berichteten ihm. Da
fiel dem Burschen die Fischflosse ein, die er bei sich trug. Er zündete sie an
und legte sie brennend auf den Fluss; da kam der Fisch herbei geschwommen und
fragte: "Was kann ich für dich tun?" "Mir ist ein kostbarer Ring mitten in den
Fluss gefallen", sagte der Bursche, "kannst du mir den herausholen?" "Freilich",
sagte der Fisch. "Wart ein wenig, ich will ihn dir gleich bringen." Und er
tauchte auf den Grund und brachte alsbald den Ring herbei.
Der Bursche nahm den Ring unter die Zunge und rief: "Nun soll mein Schloss
wieder auf dem alten Platz stehen und ich darin und der Bösewicht auch, so dass
ich ihn fassen kann." Da war er schon in seinem Zimmer im Schloss, und die
Zarentochter saß weinend am Fenster, und der Sohn der Amme stand neben ihr und
bedrohte sie, weil sie ihren Mann nicht vergessen wollte. Da sprach der
Holzsammler: "Dieser Schurke soll von dem Felsen, auf den er dieses Schloss
versetzt hatte, in den Fluss stürzen!" Und in diesem Augenblick verschwand der
Böse und wurde nie wieder gesehen.
Der Bär als Richter
Zwischen Fuchs, Wolf, Katze und Hasen entstand einmal ein Streit. Sie konnten
sich einfach nicht einigen, wer denn nun recht hätte. Der Bär sollte den Streit
schlichten und so riefen sie ihn herbei.
"Worüber streitet Ihr Euch denn?", fragte dieser.
"Es geht darum, wer von uns wie viele Auswege hat, um bei Gefahr am Leben zu
bleiben", antworten die Zankenden.
"Erzähle, wie viele Auswege hast Du", fragte
der Bär zuerst den Wolf.
"Hundert", antwortete dieser.
"Und Du", fragte der Bär den Fuchs.
"Tausend."
"Wie ist es mit Dir", fragte der Bär dann den Hasen.
"Ich habe nur meine flinken Läufe."
"Und Du", fragte der Bär zum Schluss die Katze.
"Einen einzigen."
Der Bär beschloss, die anderen Tiere auf die Probe zu stellen. Er stürzte sich
plötzlich auf den Wolf und drückte ihn halbtot.
Der Fuchs nahm, als er das sah, Reißaus und der Bär kriegte ihn nur noch am
Schwanzende zu fassen. Davon hat der Fuchs noch heute einen weißen Fleck am
Schwanz.
Der Hase rannte davon, die Katze kletterte auf einen Baum und sang: "Der hundert
Auswege weiß, wird gefangen, der tausend kennt, verstümmelt, das Langbein muss
immer noch laufen, der nur einen Ausweg hat, sitzt auf dem Baum und behauptet
seinen Platz."
Genauso ist es.
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